Polit-Kabarett im Ringsheimer Bürgerhaus

Ein Schwabe im Ringsheimer Bürgerhaus, mit dem Zug angereist, mit einem Rucksack voll spöttischen, rücksichtslosen und polemischen Angriffen auf Politik und Gesellschaft, hat auf jeden Fall auch Stuttgart 21 auf seiner „süß-sauren Speisekarte“.

Etwa 50 Besucher -der Abend hätte mehr Gäste verdient-  amüsierten sich mit dem Kabarettisten Uwe Spinder, der in zwei Stunden die ganze politische Klasse im Ländle und darüber hinaus abklatschte. „Bahnsinn und Wahnhof“ nannte er das Projekt S 21, das wohl von Leuten geplant sei, welche noch nie Bahn gefahren wären. „Aber der Bahnhof hat uns mindestens einen neuen Ministerpräsidenten beschert, „er spricht aber so langsam, dass das Denken beim Sprechen die Richtung wechseln kann“, meinte Spinder zum „Landesbischof“ Kretschmann. Und Mappus, wieder ein Europaminister, der sich zu Oettinger und Stoiber gesellt?

Der nächste werde wohl Westerwelle sein. Ein „Bonsai-Obama“ (Cem Özdemir)  im Staatsministerium, das geht nun gar nicht bei Spinder, der Ruf des Muezzin aus der Villa Reitzenstein sei nun unmöglich. Auf die Bahn hatte sich Spinder richtig eingeschossen, denn als Bahn-Vielfahrer beklagte er den schlechten Service. Spinder erklärte den Unterschied zwischen Bahn und Mafia: „Die Mafia ist besser organisiert“.

Man mußte schon höllisch aufpassen, um die Pointen -sie kamen im Sekundentakt- nicht zu verpassen. Spinder hatte sich genüßlich die Parteien vorgenommen. „Die Piraten, sie haben von nix eine Ahnung und verkaufen das als Kult; versteht jemand über 18 so ein Scheiß?“ „Wie geht es ihnen bei Rösler?“, war eine der Fragen an das Publikum. Rösler habe die Rolle des Chefkomikers übernommen. Ein Volltrottel sei er nicht, dazu fehlen ihm zu viele Teile. Und Wullf: „Der ist auch weg, er hat uns Kabarettisten gut versorgt“.

Dieter Wedel werde die Story Wullf verfilmen, mutmaßte Spinder, Titel: Einer flog übers Eigenheim. Und zu Guttenberg ist bei Kabarettisten auf jeden Fall auf der Liste. Man sagt, er eröffne in Bayreuht einen Copy-Shop. „Hoffentlich sind wenigstens die Kinder von ihm“, trat Spinder nach. In atemberaubendem Tempo gingen die Absurditäten weiter. Der frühere Kohlberater Pater Basilius Streithofen soll über Claudia Roth gesagt haben, dass sie auf ihn „zölibatverstärkend“ wirke. Zu den Grünen merkte Spinder an: „Den Metzger (Günter Metzger) haben die Grünen rausgeschmissen und wer ist gekommen? Der Schlachter (Eugen Schlachter).

Nach der Pause startete Spinder den Angriff auf das Volk: „Was ist aus dem Land der Dichter, Denker und Philosophen geworden? Ein Boris Becker darf ungestraft einen Erziehungsratgeber herausgeben!“ Eine sehr schlechte Allgemeinbildung stellte Spinder der Jugend aus. „Wie lange dauert eine Legislaturperiode?“, wurden Jugendliche gefragt. Und ein junger Mann: „Meine Freundin sagt zehn Tage“. Aber die Alten kommen, sie seien immer aktiver, denn 50 Prozent der über 65-jährigen seien bereits im Internet -die anderen 50 Prozent haben leider das Passwort vergessen. Spinder stellte auch fest: „Je weniger Zähne einer in der Gosch` hat, desto bissiger wird er“.

Die Rentenfrage wurde nicht ausgeklammert: „Leb ich noch, oder spar ich schon“, war einer der Kommentare zur Rente mit 67. Auch die Ärzte bekamen bei Spinder ihr Fett weg: „Die Ärzte sind nur noch am schimpfen, heute geh`ich zum Arzt und frag ihn, wie`s ihm geht!“ Die Gesundheitsreform stellte Spinder als Katastrophenszenario dar. Ein Veterinär bekäme mehr, wenn  er eine Sau auf dem Hof besucht, und bei den Ärzten müssten nicht nur die Gynäkologen Abstriche machen. Nur die Zahnärzte gewännen bei jeder Ziehung, stellte Spinder fest.

Ein vergnüglicher Abend ging nach fast zwei Stunden zu Ende. Es durfte herzhaft gelacht werden, Spinder wurde mit viel Applaus verabschiedet. Da an politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen kein Mangel herrscht, konnte Spinder aus dem Vollen schöpfen. Er setzte seine gedankenscharfen Pointen ins Zentrum der großen und kleinen Tagespolitik. Er zielte dabei nicht nur in eine politische Richtung, sondern griff alles an, was ihn zu schneidenden Pointen beflügelte.

Und Spinder ging so wie er gekommen war, er fuhr mit dem Zug wieder zurück ins Schwabenländle.

[Text und Bild: Adelbert Mutz]