ES macht knack-knack im Tabakfeld

Markus Kreis freut sich auf eine gute Ernte und legt selbst Hand an
Der Tabakanbau ist seit mehr als drei Jahrhunderten in der Region beheimatet. Mit rund 560 Hektar Anbaufläche ist die Ortenau die Region mit der weitaus größten Tabakanbaufläche in Baden-Württemberg. Das Zentrum liegt im Raum Neuried, aber auch im äußersten Südwesten des Altkreises Lahr findet die Kulturpflanze ideale klimatische Bedingungen. Von der Anzucht bis zur Ernte und Verarbeitung begleitet die Badische Zeitung Markus Kreis, den letzten Ringsheimer Tabakbauer übers Jahr. Im zweiten Teil geht es heute um die Ernte und Trocknung der Tabakblätter.

Wie robust die Tabakpflanze ist, zeigte sich in den letzten beiden Monaten, der Wachstumsphase des Virgin-Tabak auf über 30 Hektar Anbaufläche von Markus Kreis. Nach der Pflanzung Ende Mai kam eine extreme Trockenheit, die den Jungpflanzen sehr zusetzte. Ohne Wasser ist nahezu Stillstand auf den Tabakfeldern. Die Pflanzen wachsen unter günstigen Bedingungen jedoch relativ schnell, täglich etwa fünf bis sechs Zentimeter. In etwa 100 Tagen könne der Virgin geerntet werden, sagt die Regel. Der Virgin hat auch dieses Jahr die Regel nicht gebrochen, trotz schwieriger Wetterverhältnisse.

Eine zusätzliche Woche ohne Wasser wäre problematisch gewesen, sagte Markus Kreis. Doch dann kam der Regen und zwar in Massen. Die Tabakpflanzen explodierten förmlich und schossen bis zur Erntereife fast zwei Meter in die Höhe. Die lange Feuchtigkeit habe sich wiederum als Problem erwiesen, denn durch Pilzbefall (Blauschimmel) musste der Tabak prophylaktisch mit einer Fungizitspritzung behandelt werden. Wenn sich die bodennahen Tabakblätter gelblich färben, beginnt die Ernte der Blätter, die sich über sechs bis acht Wochen hinzieht. Mitte Juli begann die Ernte. Für den Familienbetrieb mit 18 Erntehelfern heißt das noch bis etwa Ende September Hochsaison. Zwei Trupps fahren täglich die Felder an um die reifen Blätter zu ernten, zuerst die untersten Blätter und die obersten Blätter zum Ende der Erntesaison. Es gibt vier Stocklagen mit der Bezeichnung Grumpen, Sandblatt, Hauptgut, Obergut.

Ein leises Knack-Knack, ähnlich einem Metronom, ist im Tabakfeld zu hören, wenn die Blätter am „Storzen“ nach unten abgeknickt werden. Sie lösen sich sehr leicht. Zwischen den übermannshohen Tabakstorzen huschen die Helfer hin und her. Die Blätter legen sie auf ein etwa vier Meter langes Förderband, das die Tabakbündel auf den mitgeführten Pritschenwagen befördert. Auch hier kommen die alten aber zuverlässigen Deutztraktoren wieder zum Einsatz. Führerlos in einer vorbereiteten Spur zieht der Deutz den Anhänger in gemächlichem Schritt durch das Feld. Auf dem Anhänger werden die Blätter von zwei Helfern direkt in kleine Gitterboxen (Raks) gelegt und festgeklemmt. Ist der Wagen mit Gitterboxen voll, geht es zurück zum Tabakhof. Dort werden die Gitterboxen mit den geernteten Tabakblättern von weiteren Helfern in die Trocknungsöfen eingehängt. Eine Gitterbox ergibt sechs Kilo vermarktungsfähigen Tabak , etwa 64 Boxen kommen in einen Ofen. Der Wassergehalt der geernteten Blätter beträgt etwa 90 Prozent und nach der Heißlufttrocknung noch etwa 12 bis 15 Prozent. In wenigen Tagen sind alle 15 Öfen bestückt, und diese werden dann rund um die Uhr mit Heißluft beheizt. Gas und Strom liefern die Energie, der Bedarf ist hoch. Wenn einer der Öfen einen technischen Defekt hat, muss schnell gehandelt werden. Bei längerem Stillstand verliert der Tabak an Qualität oder es gibt einen Totalausfall. Sorgfalt ist bei der Trocknung gefragt.

Die Temperaturen werden fast täglich erhöht, von anfangs 32 Grad bis 68 Grad zur Rippentrocknung. Nach einer Woche ist die Trocknung beendet, die Öfen werden mit frischem Tabak bestückt. Vor der Weiterverarbeitung wird noch einmal befeuchtet, damit die trockenen Blätter nicht zerbröseln. „Da müssen wir genau hinschauen“, bemerkt Markus Kreis und erzählt wie gemächlich es früher von statten ging, denn damals wurde der Tabak (der dunkle Geudertheimer) in großen Tabakschöpfen an der Luft getrocknet; und Raks gab es auch noch keine. Die geernteten Tabakblätter wurden in den landwirtschaftlichen Kleinbetrieben mit langen Nadeln an den Rippen durchstochen und auf eine Schnur aufgefädelt (anfassen) Das „Anfassen“ wurde aber bald rationeller von Maschinen übernommen. Das  allabendliche Tabakanfassen in und unter den hofeigenen Scheunen war auch willkommener Anlass den Fasswein aus dem eigenen Keller zu genießen und miteinander zu „tratschen“ und Neuigkeiten des Dorfes auszutauschen. Der auf der Schnur aufgefädelte Tabak wurde entweder in die eigenen Tabakschöpfe oder die des Tabakbauvereins waagrecht zur Trocknung an der Luft aufgehängt.

Durch die Holzlamellen am Gebäude konnte die Luftzufuhr gesteuert werden. Der Duft des Tabaks war in weitem Umkreis um die Schöpfe zu riechen und er hat sich bis heute in den zwei noch vorhandenen Tabakschöpfen des ehemaligen Tabakbauvereines im Holz festgesetzt. Im Spätjahr wurde der Tabak wieder abgenommen und in kleine handliche Ballen gepresst.

 

Der Virgin hat gewisse Vorzüge, bemerkt Markus Kreis. Sie beruhen nicht zuletzt auf dem relativ geringen Arbeitsaufwand von etwa 500 Stunden pro Hektar und Jahr. Durch die Heißlufttrocknung werde der Abbau von Zucker und Aromastoffen gedrosselt. „Virgin ist süßlich und aromatisch“, sagt Kreis. Der relativ milde und leichte Rauch des Tabaks sei bei der Zigarettenindustrie sehr gefragt. Der Tabak werde besonders für Wasserpfeifen genutzt. Die polnischen Erntehelfer kommen zum Teil schon mehrere Jahre in den Ringsheimer Familienbetrieb, es wird selbstständig gearbeitet. Ab und zu scherzt der Chef mit seinen Mitarbeitern auf polnisch. Diese Tatsache ist dem Hinweis der Erntehelfer geschuldet, die ihrem Chef eine einfache Rechnung aufmachten. Es sei doch einfacher, ein Deutscher lerne polnisch, als 17 Polen deutsch. Markus Kreis lacht -und er lacht eigentlich fast immer.

Die nächste und letzte Folge beschäftigt sich mit der weiteren Verarbeitung des Tabaks und der Vermarktung.

[Text und Bild: Adelbert Mutz]